Nataschas
ausführlicher Bericht über die Ersteigung des Parinacota
28.11. 2003
Hotel Mar Azul Arica = Meereshöhe
Die Strapazen sind
zu Ende, wir sind wieder unten, zurück in der
Zivilisation.
Es gibt wieder Strom - 24h, Wasser in greifbarer Nähe, ab
und an sogar warm...
Probleme Essen zu bekommen, gibt es hier nicht. Wir schlafen in Betten, sind
sauber, gesättigt - geschafft, aber froh.
Der Rückblick...
Die ersten 10 Tage unserer Reise liegen hinter uns. Von Arica aus geht es
sofort per Bus ins imposante La Paz. Dort genießen wir echtes
südamerikanisches Flair. Ich selbst fühle mich wohler als in Chile
- liebe
es einfach - Märkte, bunte Kleider, Chaos auf der Strasse, freundliche
Gesichter, egal wie groß das Elend scheint. Es ist anders als Europa,
unvergleichbar und für mich voller Zauber.
Die Stadt liegt auf ca. 3700m, wir befinden uns mitten in der
Akklimatisationsphase. Der Titicacasee, "das Meer mitten im Land"
auf 3800m
beeindruckt immens - Wasser soweit das Auge reicht. Wir lassen uns im
märchenhaften "La Cupula" in Copacabana auf bolivianischer Seite
des Sees
nieder. Höhenanpassung ist nach wie vor das Allerwichtigste. Somit tun
wir
auch nicht viel außer ein paar kleinen Wanderungen, lesen, schlafen und
in
den Hängematten vor unserer Herberge die Seele baumeln lassen.
Voller Eindrücke treten wir unseren Rückweg gen Chile an.
Die ersten beiden Nächte bleiben wir in der CONAF - Station
(Naturparkverwaltung) am Lago Chungara. Nach einer Stunde kommt eine
Schweizer Expedition direkt vom Berg - alles drahtige Typen, bestens
ausgerüstet, nur leider etwas mürrisch uns Deutschen gegenüber.
Sie haben
aufgrund von Büßereis abgebrochen, sagen der Aufstieg sei "unmöglich".
Mittlerweile befinden wir uns auf ungefähr 4500m. Auch dort wollen wir
uns
erst einmal an die Höhe gewöhnen und beschäftigen uns hauptsächlich
mit der
SIEDLER - Travelversion, die Ulf überraschend aus dem Rucksack zieht.
Allabendlich steigen wir ein bisschen auf und genießen die einmaligen
Sonnenuntergänge.
Wir lassen uns nicht entmutigen, beratschlagen und entscheiden nach Caquena
zu fahren - ein Vierseelendorf am anderen Ende des Berges.
Am nächsten Tag tuckern wir dorthin. Ein sehr netter Polizist empfängt
uns.
Ich kämpfe mit meinem Spanisch, wir kommen durch und dürfen bleiben.
Bei Cipriano schlagen wir unser Lager auf. Er ist ein stiller,
liebenswürdiger, hilfsbereiter und sehr zuverlässiger Mann. Wir fragen
ihn
nach Hilfe, eine Stunde später sitzen Papa und Ulf im Pick Up und erkunden
die Gegend. Marianne und ich bleiben zurück und kümmern uns um die
Gemütlichkeit.
Am nächsten Morgen brechen wir auf um das Hochlager einzurichten. Wir
schleppen literweise Wasser, Lebensmittel und Expeditionszeug nach oben. Der
Weg scheint endlos. Es ist anstrengend und ein geeigneter Platz ist nicht in
Sicht. Nach vielen Stunden, die Kräfte sind am Ende, erreichen wir ein
gigantisches Hochplateau auf 5240m. Wir lassen Alles fallen, sichern die
Sachen mit Seilen und Steinen, gönnen uns eine kleine Pause und brechen
sofort zum Rückweg auf.
Meine Nacht nach
der Wanderung ist schlecht, ich fühle mich tagsdrauf
gerädert und sehr schwach. Wir machen nicht viel außer SIEDLERN,
ruhen
und essen. Am Nachmittag wandeln wir durch die staubigen Strassen
Caquenas, besuchen die Schule (die umliegenden Höfe schicken hier
ihre
Kinder her - insgesamt sind es fünf) und schauen uns die wundervolle, kleine
Kirche an. Aktiver Tageshöhepunkt ist wohl unsere Session auf den drei
Schaukeln - DEM HIMMEL SO NAHE!
Leider ist auch die folgende Nacht sehr mies - ich finde fast gar keinen
Schlaf. 6 Uhr dann das erlösende Weckerklingeln - AUFSTEHN! Es war kalt,
sternenklar und deshalb wunderschön. Cipriano, unser Wirt, kochte Wasser,
Reis und Alpaka und das 6 Uhr morgens!
Ich kann ihm glücklicherweise recht sanft beibringen, dass uns allen
momentan nicht nach Alpaka ist. So luchse ich ihm den Reis ab, wirbel ein
wenig mit Milch und Zucker herum und fertig ist die Startmahlzeit -
Milchreis.
Um halb Acht treffen wir auf unseren freundlichen Carabinero, der uns einmal
mehr ein paar Kilometer aus dem Dorf fährt.
Mir graut es vor dem Aufstieg ins Höhenlager - die Länge des Marsches,
der
Schlafmangel, zu wissen wie weit und hoch es gehen wird...
MOTIVATION?!
Ich finde sie nirgends.
Aber es geht erstaunlich gut voran. Wir brauchen knapp 6 Stunden ins
Lager im Pomerapesattel. Der Atem stockt, als sich vor uns die Hochebene
erstreckte. Rot-schwarze Asche, kleine Kiesel am Boden, in der Ferne liegt
ab und an ein Findling. Der Blick
hinunter gen Caquena lässt eine Stimmung in mir aufsteigen, die mystischer
kaum sein kann. Es wird still, ich war einerseits unglaublich
angespannt und andererseits schon in diesem Moment sicher, dass ich es
schaffen kann.
Der Tag vergeht mit Lager aufbauen, Gurte anpassen, reden, beruhigen, kochen
und dem Versuch zu schlafen. Die Nacht war eine einzige Katastrophe. Zwei
unserer Isomatten sind leider nicht in Santiago angekommen. Deshalb
entscheiden wir zu viert in einem Dreimannzelt auf zwei Isomatten zu
schlafen. Eingepfercht findet keiner die nötige Ruhe. Ich war froh als
mein
Wecker klingelt - aufstehen - ich bin Küchendienst, krieche
hinaus in die
Kälte und versuche mich an einem Haferflockenbrei. Mir geht es gut, ich
fühle mich trotz des großen Schlafdefizits sehr stark und
weiß es vom ersten Augenaufschlag an... Ich werde heut auf dem Gipfel
stehen.
Nachdem wir uns alle ein paar Löffel Brei reingezwungen haben, geht es
im
Schein der Stirnlampen los. Mir fällt das Laufen anfangs schwer, trotz
allem
kommen wir recht gut voran. Der Sonnenaufgang war fantastisch...vor uns lag
der Sajama in Bolivien, neben uns stand der Pomerape und wir? waren
gerade
dabei die ersten Höhenmeter des Parinacotas zu schaffen.
Nach etwa vier Stunden Aufstieg treffen wir erstmals auf Büßereis
und
queren. Es ist anfangs einfacher als erwartet, doch verschlechtern sich
die Bedingungen mit jedem Höhenmeter. Um zwölf Uhr mittags lassen
wir uns
mitten im Eisfeld nieder. Wir essen und diskutieren. Es liegen noch mehr als
500 Höhenmeter Büßereis vor uns. Aufgrund dessen beschließen
Papa und
Marianne den Rückweg anzutreten. Ulf und ich lassen alles bis auf je zwei
Packen Powerbargel und den Eispickeln da und versuchen unser Glück. Wir
sind anfangs sehr schnell unterwegs. Die Stimmung ist gut, ich bin wieder
völlig fit, wir flachsen viel herum, obwohl es alles andere als ein Spaß
ist, diesen Eismauern zu begegnen.
Das Eis wird dichter und dichter, wir stürzen öfter, die endlose
Elendshackerei zehrt an uns. Wir entscheiden weiter zu queren bis wir Fels
erreichen.
Es zieht sich - viel länger als erwartet. Nach knapp vier Stunden Büßereis
treffen wir auf Fels... doch erhoffter Fels ergibt sich als Asche.
Mühselig
kämpfen wir uns Meter um Meter nach oben. In mir hämmert nur ein Gedanke
Spätestens um Vier dreht ihr um - versprecht mir das!. Das
waren Papas
Worte. Ich spreche mit Ulf über meine Bedenken. Gemeinsam entschließen
wir
uns weiterzugehen. Natürlich weil zum Einen der Gipfel in sichtbarer Nähe
war, doch hauptsächlich liegt es daran, weil wir in diesem Aschefeld viele
Höhenmeter beim Abstieg machen können.
Es ist zermürbend. Schritt um Schritt keuchen wir mehr, fluchen,
(ver-)zweifeln, kämpfen.
16.37 Uhr erreichen wir den Kraterrand. Alle Last fällt von uns und wir
uns
in die Arme. Der Pomerape liegt uns gegenüber. Wir schauen herum, sehen
Caquena und entdecken sogar unser Zelt. Ich lasse mich kurz nieder, Ulf
fotografiert ein bisschen. Ich kann es nicht fassen - 6340m über´m
Meer, bin
glücklich und danke dem Leben.
Nach einer viertel Stunde oben treten wir den Rückweg an und rennen das
Aschefeld nach unten. Es macht einen Riesenspaß, schlaucht aber immens.
Leider müssen wir weiter runter als gewollt. Noch einmal ins Büßereis
zurückzukehren wäre dumm und eventuell fatal. Also nehmen wir den
Umweg in
Kauf - was bleibt uns anderes übrig. Mittlerweile befinden wir uns auf
bolivianischer Seite. Der Weg zurück scheint endlos. Wir sind platt, reden
nur noch das Nötigste miteinander und motivieren zum Weitergehen. Wir denken
an warme
Duschen, leckere Essereien...ich besonders an Papa und Marianne, die sich
sicher sorgen. Es dämmert, mir wird ein bisschen mulmig. Zurück zu
den
Rucksäcken schaffen wir es keinesfalls, es gilt allein das Zelt
schnellstmöglich zu erreichen. Um Zeit zu sparen hatten wir uns schon beim
Aufstieg entschlossen für den Abstieg die schnee- und eisfreie Flanke auf
der bolivanischen Nordseite des Berges zu nehmen.
Ein riesiges Geröllfeld tut sich vor uns auf...da müssen wir runter.
Ich
hasse Geröll, habe Angst. Ulf läuft vor und macht mir damit Mut. Es
geht, es
muss ja. Wir erreichen nach über drei Stunden die andere Seite des
Pomerapesattels. Es sind weder viele Höhenmeter noch endlose Kilometer
bis
wir drüben auf unserer Seite sind, doch strengt jeder Schritt unglaublich
an. Wie in Trance setzen wir einen Fuß vor den anderen. Um Acht
am Zelt.
hämmert es in mir. Das hatten wir mit Papa ausgemacht, als wir uns trennten.
Ich schaute auf die Uhr 19.46 Uhr - das schaffen wir.
Punkt 20 Uhr kommen wir über die Kuppe. Ich sehe wie zwei Menschen aus
dem
Zelt springen, einer kommt uns entgegen, ein anderer rennt zu unserer
Kochecke am Fels.
Marianne steht bald vor mir, legt mir ihre Daunenjacke über die Schultern.
Wir lachen, sprachlos, glücklich...froh, gesund voreinander zu stehen.
Papa. Freudentränen in seinen Augen. Er nimmt mich in die Arme. Ich
verkrieche mein Gesicht in seiner Schulter und lasse kleine Tränen laufen...