Mariannes Reisebericht
Chile – Bolivien 2003 14.11. bis 06.12
La Paz-Titicacasee-Parinacota-Pan de Azucar
PARINACOTA 6340m
Nach 18 Stunden Flug (ab Berlin, über Madrid) landen wir, Lutz, Ulf und Marianne, in Santiago de Chile. Wegen eines verlorenen Gepäckstückes mit unseren drei Isomatten, erreichen wir buchstäblich in letzter Sekunde den Weiterflug nach Arica, wo wir Natascha am Flugplatz freudig lachend in die Arme schließen! Natascha hat ein Zimmer in dem Hotel reserviert, in dem sie vor zwei Jahren mit Lutz schon war. Mit einem Pisco sour stoßen wir am Pool auf den bevorstehenden Urlaub an! Spaziergang durch den Ort mit den ersten Jugos und Abendessen (4x Seezunge). Beim Essen schlägt Natascha vor, statt sich in Putre zu aklimatisieren, gleich morgen mit dem Bus nach La Paz und an den Titicacasee weiterzufahren. Begeistert stimmen wir zu: La Paz und der Titicacasee liegen auf 3700m und bieten uns die ideale Bedingungen um uns an die Höhe anzupassen. Wir packen noch die Rucksäcke um und fallen todmüde, nach der langen Reise in die Betten (Hotel Mar Azul, 4 Pers. a € 10,-- incl. Frühstück).
Um 6.30
Uhr klingelt der Wecker, aber es stellt sich gleich heraus, dass der Bus nach
La Paz erst um 9 Uhr losfährt. Also hauen wir uns noch schnell eine Stunde
aufs Ohr. Mit dem Taxi zum Busbahnhof, dort auf dem Markt Obst einkaufen und
ein schnelles Frühstück.
Acht Stunden Busfahrt von Arica nach La Paz (p.P. € 10,-- einschl. warmen
Mittagessen im Bus). Der Bus schraubt sich allmählich von 0 auf 4500 m
hoch durch eine immer kargere Landschaft. Dann sehen wir sie plötzlich
in weiter Ferne vor uns: die ersehnten Gipfel der schneebedeckten Vulkane, Parinacota
und Pomerape.
Nach drei Stunden erreichen wir das Rifugio am Lago Chungara,(4500 m) wo wir
in Windeseile unsere schweren Bergrucksäcke ausladen, um nur mit kleinem
Gepäck weiterzufahren. Als ich hastig aus dem Bus springe und im Laufschritt
meinen schweren Rucksack in die Hütte tragen will, mache ich zum ersten
Mal in meinem Leben Bekanntschaft „mit der dünnen Luft“: Hui,
das hätte ich nicht gedacht !!
Wir sehen auf der anderen Seite des Sees den gleichmäßigen etwas
spitzeren Vulkankegel des 6500 Meter hohen Sajama. Jetzt passieren wir die Grenze
nach Bolivien. Die karge Landschaft öffnet sich zu unvorstellbaren Weiten.
Ich habe das Gefühl, meine Heimat passt in eine Hutschachtel! Auf der Fahrt
durch die Altiplano beobachten wir viele Windhosen.
Der erste Blick über La Paz, das sich auf 3700 m Höhe in einem riesengroßen
Kessel ausbreitet, an dessen Seiten die Häuser und Hütten an den steilen
Abhängen wie Schwalbennester zu kleben scheinen, bleibt mir sicherlich
unvergesslich. Dahinter erhebt sich der Ilimani mit 6500 m Höhe. Wir suchen
uns ein einfaches Hostal („Austria“ 2 DZ für zusammen €
17,--) und gehen los zum Abendessen. Vorher noch 2 Bier (für die Herren)
und 2 Mangosaft (für die Damen) in der gemütlichen Bar „Luna
& Sol“ - Gute Nacht! Am Morgen spazieren wir begeistert über
den „Hexenmarkt“ und kaufen die ersten Mitbringsel. Mich begeistern
besonders die Indiofrauen in ihren traditionellen Gewändern: Röcke
in den buntesten Stoffen, glitzernde Brokatstoffe, der Bund ist ca. 12 cm breit
quer gestiftelt, die Rocklänge in mehrere breite Querfalten gelegt, drei
Stoffbahnen übereinander. So tragen die Röcke sehr auf und die Frauen
erscheinen alle sehr korpulent, obwohl die meisten es nicht sind! Zwei kohlrabenschwarze
Zöpfe, die bis zu den Hüften reichen, am Ende mit Wollquasten zusammengehalten,
ein gemustertes Tuch über die Schultern mit einer Sicherheitsnadel oder
manchmal sogar mit einer Brosche zusammengehalten, und der runde schwarze oder
braune Hut, der zu klein erscheint und etwas schräg auf dem Kopf sitzt.
Lutz kauft für die Mädels unserer Familie silberne Ohrringe mit Cocablättern.
Übrigens trinken wir mehrmals am Tag mate de Coca, also Cocatee.
Der Stand einer alten Frau mit allerhand spirituellem Krimskrams interessiert
uns besonders: Pacha Mama Figuren (Mutter der Erde) und getrocknete Lamaföten,
ein Fruchtbarkeitssymbol. Alles hier ist so farbenfroh, lebendig und bunt. Es
herrscht rege Betriebsamkeit, aber keine Hektik! Es ist hier in Bolivien weniger
zivilisiert, alles scheint ursprünglicher, im Gegensatz zu Chile. Von Nataschas
Begeisterung angesteckt, zieht es uns von Stunde zu Stunde mehr in seinen Bann.
Nach einigen Problemchen (der gebuchte Bus fährt nicht) geht’s dann
mit Verspätung doch endlich los zum Titicacasee (3700 m). Fahrpreis p.P.
€ 3,--. Im Schritttempo schnauft der Bus die steilen Straßen von
La Paz hinauf. Uns fallen lange Menschenschlangen vor den Banken auf, und die
Tatsache, dass alle Schuhputzer ganz vermummt sind. Warum wohl?
Alles wäre nochmals so schön, wenn nur der Müll nicht wäre!
Vier Stunden dauert die Fahrt bis zum „Titicaca-Meer“ mit einer
Größe von 8000 km². 60% der Wasserfläche gehören zu
Peru, 40 % zu Bolivien. Die ersten Bäume seit Arica tauchen auf, Schafe,
Schweine, Kühe, das Land ist besiedelt, Äcker bestellt. An der schmalsten
Stelle des Sees setzen wir über, von San Pablo nach San Pedro. Die Passagiere
steigen in einen kleinen Kahn, der Bus fährt auf einer wackelige Fähre.
Dann hinauf bis 4100 m über hügeliges Bergland bis in den noch verschlafenen
Fremdenverkehrsort Copacabana. Wir leisten uns zwei Zimmer im hübschen
Hotel Cupula über dem Ort, am Fuße des Kalvarienberges. Das heimelige
Hotel wird von einem Deutschen betrieben (Zimmerpreis für 2 Pers.: $ 12,--
und $ 15,--pro Nacht).
Im gemütlichen Restaurant im Turm essen wir schön zu Abend. Anschließend
bummeln Natascha und ich noch durch den Ort zum Internetcafe und auf einen mate
de Coca.
In dieser
Nacht haben wir ganz schlecht geschlafen, da die halbstündigen abgefeuerten
Schüsse rings um den Ort Lutz sehr beunruhigt haben. Natascha klärt
uns am morgen auf, dass die Bolivianer so ganze Nächte durchfeiern. „Schüsse“
gehören einfach dazu!! In der folgenden Nacht schliefen wir ganz beruhigt
durch. Frühstück und Spaziergang durch die weite lange Bucht des Ortes.
(Mittagsschlaf – ich hatte nachzuholen!) Dann frühes Abendessen in
einer herrlichen Dorfkneipe: 4 Generationen unter einem Dach; 3 davon wuselten
in der Küche. Der kleinen alten Frau sprang das Lächeln nur so aus
dem runzeligen Gesicht heraus. Das zu sehen, öffnet einem das Herz! Für
knapp € 20,-- aßen wir vier reichlich zu Abend. Anschließend
bummelten wir noch durch den Ort – die Geschäfte haben bis 22 Uhr
offen: morgen wollen wir Geschenke und Hüte für uns kaufen. Vorm Zubettgehen
erklimme ich noch schnell den ersten 4000er in meinem Leben: wir beobachten
den Sonnenuntergang vom Kalvarienberg hinterm Hotel aus – wunderschön!
Rühreierfrühstück auf der sonnigen Hotelterrasse! Dann Hut-Einkaufsbummel:
gar nicht so einfach, wie sich herausstellt: Nataschas Augen leuchten nochmals
so grün unterm grünen Filzhut hervor: “Willkommen unterm Lampenschirm
!!“
Besichtigung der Kathedrale mit den wunderschönen bunt belegten Kuppeldächern.
Nachmittags abhängen in den Hängematten im Hotelgarten.
17 Uhr Abendessen im „Jardin“ neben der Bushaltestelle, den wir
fast verpassen, da er zu früh losfährt ! (4 Std. nach La Paz zurück
für € 2,-- p.P.) Spät abends erreichten wir das schöne ***
Hotel Naira, in dem wir sehr gut geschlafen haben! (p.P. $ 14,-- inkl. Frühstück)
Um 13 Uhr fährt der Bus los, der uns zurück nach Chile an den Lago
Chungara bringt. So haben wir vorher noch schön Zeit für einen Einkaufsbummel
und haben vieeel Spaß dabei! Mützen, Mützen, Mützen, Stulpen,
Ich bekomme einen wunderschööönen Pullover, Lutz eine kuschelweichewarme
Weste aus Alpakawolle, Natascha einen Strickmantel (den aber erst das Christkind
bringen wird...) nochmals Mützen Nr. 17 und 18....... und, und, und.
Lutz kauft ein Bild für zuhause. Bin gespannt!!! Über den Bilderkauf
verpassen wir fast den Bus.... gerade noch geschafft! Am Bahnhof kauft jeder
in Hetze noch schnell ein bisschen Obst, damit wir nicht hungern müssen
im Bus. Dann haben wir 17 Bananen, für 0,25 €, die wir alle vor der
Grenze aufgegessen haben müssen, da man kein Obst nach Chile einführen
darf! Die Kontrollen sind wegen Seuchengefahr recht streng.
„Kampf den Bananen!“ So stopfen wir uns voll Bananen vor der Grenze
(Lutz isst SIEBEN Stück) und haben viel Spaß dabei! Den schönen
Käse müssen wir zurücklassen. Natascha füllt die Grenzformalitäten
aus und in unserer heiteren Bananenstimmung schreibt sie bei Lutz´ Beruf:
„Dummlak“ – ob die das wohl merken?? Wir wollten bis zum Rifugio,
der CONAF Schutzhütte, fahren, wo wir für die nächsten Tage unser
„Basislager“ aufschlagen wollen. Da aber so spät dort kein
Licht mehr brannte, fuhren wir noch 50 km weiter bis zur Abzweigung nach Putre,
an der uns der Bus dann in stockfinsterer Nacht aussetzte.
Mit Stirnlampen machen wir uns zu Fuß unterm Sternenhimmel auf den 4 km
langen Weg. Aber gottseidank nimmt uns schon nach wenigen hundert Metern ein
netter junger Mann mit einem Pick up mit. Wir setzen uns hinten drauf und los
geht’s.... Das Kommando ist gestrandet. Die Uhr zeigt 22.15 PUTRE bei
Nacht!
Im Hostal ist niemand mehr auf. Wir sprechen einen jungen Mann an, der uns gleich
mit zu sich nach hause nimmt und uns ein Zimmer anbietet mit zwei Stockbetten
für uns Vier (€ 12,-- für 4 Pers.) Wir trinken noch Cocatee und
essen über-die-Grenze-geschmuggelte-Kekse als Abendessen. (Wir haben ja
noch das Bananenpolster!) Lutz betätigt sich gleich noch als Innenarchitekt
bevor wir müde in Opa und Omas Seidenschlafsäcke sinken.
Am nächsten
Morgen holen wir in der Regionalverwaltung die Genehmigung für die Parinacotabesteigung
ein, wollen in dem großen Bankgebäude Geld wechseln, was aber zu
unserem Entsetzen nicht möglich ist. Weder bar € oder $ Traveller
Schecks. So tauschen wir im Tante-Emma-Laden um die Ecke, wo wir uns auch gleich
noch mit Lebensmittel und Trinkwasser für die nächsten Tage eindecken.
Mit einem gemieteten Taxi terrible und einem total übermüdeten Fahrer
(zeitweise fährt Lutz) erreichen wir ca. 16 Uhr das Refugio am Lago Chungara,
herzlich begrüßt von Jorge, den Lutz und Natascha von vor zwei Jahren
kennen. Dort treffen wir Pilar aus Kolumbien mit ihrem schweizer Freund Thomas,
zwei Biologen, die uns auch beim dolmetschen helfen. Jetzt kommt eine 9 köpfige
schweizer Bergsteigergruppe mit Bergführer und Reiseveranstalter Ruedi
vom Berg zurück, die auf 6000 m am Büßereis gescheitert sind.
Nun steht fest, dass wir die ursprünglich gewählte Route nicht versuchen
werden. Wir sind enttäuscht und beraten: was tun? Sollte das Abenteuer
vor Beginn denn schon zu Ende sein? 200-250 Bergsteiger versuchen sich pro Jahr
auf dem PARINACOTA, nur 20-25 schaffen den Gipfel!!
Lutz lässt nicht locker und sucht eine andere Route, was sich aber später
auch als sehr schwierig herausstellen sollte.
Abends kochen wir Nudeln und krabbeln etwas traurig in unsere Stockwerkbetten.
Was wird werden ?
Wir genießen
ein Frühstück draussen in der Sonne und wandern ein bisserl herum,
fotografieren Flamingos und Lamas. Es gibt hier das Lama, es ist am größten
und hat lange Haare, das Alpaka, es hat kürzere Beine und ein noch längeres
Fell, Vicunas sind kleiner und haben ein kurzes Fell und noch die Guanacos.
Dann holt Ulf zur großen Überraschung aller die Reisevariante der
„Siedler von Catan“ aus seinem Rucksack, die wir bald in „Siedler
von Caquena“ umtaufen. (Aber dazu später... ) So vergeht der Tag
schnell: 2x Siedlern vorm Essen, 2x Siedlern mit Stirnlampe nach dem Essen.
Dazwischen ein Spaziergang hinauf auf 4700 m.
Frühstück; um 10 Uhr kommt unser Fahrer Sebastian um uns nach Caquena zu fahren. Lutz hat gestern entschieden, dass wir uns von dort aus unser Glück zum Parinacota versuchen wollen. Die zweistündige Fahrt geht über das Dorf Parinacota. Lutz möchte an der Kirche einen „Herrnhuter Stern“ aufhängen und er erklärt dem Bürgermeister und dem Mesner Moralis Moralis, der uns auch einen Blick in die wunderschöne farbenprächtige Kirche tun lässt, wie der Stern zusammenzustecken ist. Ein junger Schweizer, Harald Abablaza aus Zürich, der in Chile als Fremdenführer arbeitet, dolmetscht. Lutz tauscht sein PRIJUT 12-T-Shirt mit Eduardo. Dann geht die Fahrt weiter an unser eigentliches Ziel: CAQUENA, 4380 m, einem Dorf auf der anderen Seite des Berges..... Dort angekommen, müssen wir uns zuerst in der Polizeistation melden und die Genehmigung und unsere Ausrüstung zur Bergbesteigung vorweisen. Dann gilt es ein Quartier zu finden.... Nach und nach erfahren wir die Geschichte des Dorfes: es gibt nur noch vier Einwohner: ein „Loco“ – ein angeblich Verrückter, ein altes Ehepaar und Cipriano, deren 42 – jähriger Sohn, der sich auch sofort bereit erklärt, bei ihm wohnen zu können und uns zu verpflegen. Er führt uns zu einem kleinen Häuschen, ein Raum mit 4 Bettgestellen darin. Es reicht, wir haben unsere Schlafsäcke und sind zufrieden. Wo gibt es Wasser? Er zeigt uns eine Straße weiter einen Wasserhahn – und hier sind ein paar Plastikeimer zum Holen – ausreichend! Und wo ist das Klo? Nochmals eine Straße weiter, in einem Hinterhof ein kleines freistehendes Häusl mit einer noch kleineren Türe – das Plumpsklo – auch ausreichend, wie auf unserer Hütte. Durch die nächtliche Kälte hält sich kein Ungeziefer: es gibt keine Fliegen, Mücken Spinnen. Nachmittags unternehmen Ulf und Lutz mit Cipriano eine Erkundungsfahrt, Lutz will unsere Route festlegen! Cipriano gehören hier fast aller Grund, 1000 Alpakas, 400 Lamas und 60 Schafe. Nur Bargeld hat er nicht. Natascha und ich packen die Rucksäcke um. Dann wird einmal „gesiedlert“ und zum Abendessen kocht uns Cipriano herrliches Alpakafleisch mit Reis. Dann kuscheln wir uns in die Schlafsäcke, morgen ist ein harter Tag!
Um 8.30 geht’s los: Senior Carabinieri Edinson Hernandez Ornate fährt uns mit seinem Dienstauto ca. 10 km durch die Ebene Richtung Berg. Dann marschieren wir los, um das Lager auf ca. 5000 m einzurichten: Lutz´ und Ulf´s Rucksack wiegen etwa jeweils 30 kg !!!, Nataschas´ wenig drunter, meiner ist leichter (ich hätte niemals soooo schwer tragen können). Dann steigen wir ca. 15 km ca. 800 Höhenmeter. Wir benötigen 8 Stunden hinauf durch Sand, Vulkanasche, Geröll, viele Trinkpausen, und sind total erledigt: die schweren Rucksäcke!! Die Höhe macht einem natürlich auch zu schaffen (aber ohne ernsthafte Probleme wie z.B. Höhenkrankheit). Pumas gibt es hier oben, wir haben aber leider keine gesehen. Oben richten wir ein provisorisches Lager ein und machen uns müde auf den weiten, langen vierstündigen Heimweg. Morgen gibt´s einen Ruhetag im Dorf unten, denn auf dieser Höhe oben, kann sich der Körper nicht regenerieren, man hat keinen Appetit – muß aber Essen und trinken, erklärt mir Lutz. Unten haben wir noch eine ewige „Latscherei“ bis zu Ciprianos Hof, und sind gegen 20.30 Uhr zurück am Haus. Wir drei fallen fix und fertig in die Betten, ohne uns auszuziehen, ohne zu waschen. Wir liegen da wie in einem Lazarett, Oberschwester Natascha mobilisiert nochmals Kräfte und versorgt uns mit Tomatensuppe.
Wir schlafen
so lange es geht. Der Kopf ist schon munter, aber der Körper will noch
nicht aus dem Bett. Dann kochen wir Spaghettis, die tun uns gut und geben wieder
Kraft, allerdings ein Hungergefühl hat keiner von uns. Nur Bettruhe verhindert
bei mir Durchfall – die Nudeln müssen drinbleiben!! Sonst reicht
die Kraft morgen nicht!
2x Siedlern, dann erkunden wir den Ort: Schule, Friedhof, Kirche, wir sprechen
mit Ciprianos Vater. Abends werden wir wieder mit Alpaka und Reis versorgt,
dann Bettruhe.
Draußen unterm Sternenhimmel und dem Kreuz des Südens fragt mich
Natascha: „Mmh, hast Du schon mal unter einem sooo schööönen
Sternenhimmel gepullert?“ Ich muß zugeben: nein.!! Es wird eine
unruhige Nacht, ich glaube wir sind alle ein bischen nervös: Trinken, schnarchen,
hin und her. Lutz will den Sonnenaufgang fotografieren um 5.30 Uhr – wo
noch gar kein Sonnenaufgang ist, wieder ins Bett, zu Natascha, zu mir, endlich:
6 Uhr Weckerklingeln!
Minus 8° Nachttemparatur. Mein Schlafsacktraum geht zu Ende: im Schlafsack
bin ich von der Hütte bis nach München geflogen, es war herrlich,
musste aber an einer Isarbrück notlanden, da mir die Reservebatterie für
meinen Fotoapparat aus dem Schlafsack gefallen war.
Cipriano hat schon heißes Teewasser gekocht, Reis und Alpakafleisch. Natascha zaubert gottseidank süßen Milchreis draus, keiner von uns wollte Alpakafleisch zum Frühstück essen! 7.30 Abfahrt mit Senior Carabiniero, 8 Uhr Abmarsch. Wir kommen erstaunlich gut voran mit nur leichtem Gepäck und steigen noch bis auf 5230 m zum Pomerapesattel. Dort tut sich zu unserer Überraschung eine erstaunlich große Ebene auf, einer Mondlandschaft gleich. Wir beschließen, hier das Zelt aufzubauen. Die Männer gehen nochmals das kurze Stück hinunter, um die restlichen Sachen zu holen. Natascha und ich bauen das Zelt auf. Fertignahrung kochen, Rucksack packen, Steigeisen, Eispickel, Brustgurt anpassen, Tee vorkochen und Bettruhe. Zuerst hatten wir noch Spaß zu viert im engen Dreimannzelt (wegen unserer verlorenen Isomatten) – aber dann wurde es eine schreckliche Nacht für alle, keiner konnte schlafen, ich kam mir vor wie eine Kartoffel in der Folie, und dabei hatte ich mich auf große Kälte eingestellt! Alle waren froh, als wir uns um 5 Uhr endlich aus den Schlafsäcken schälen konnten.
27.11.2003
Auf´n Gipfel ? Natascha kocht Haferflockenbrei für uns alle und mit
leichtem Gepäck laufen wir um 6.10 Uhr in der Dunkelheit los. Bald, um
sieben, ist Sonnenaufgang. Wir kommen recht zügig voran in Geröllfeldern,
Sand und Vulkanasche. Ich wundere mich und freue mich, dass meine Kraft und
Kondition ausreicht. Eine ganz neue Erfahrung für mich ist natürlich
die Höhe. Die bemerkenswertesten Anzeichen sind für mich die extreme
Appetitlosigkeit, man empfindet kaum Durst. Man fühlt sich leer, atmet
schwer, geht aber stur vorwärts, zuweilen wie in Trance. Jeder Bissen zu
Essen, jeder Schluck zu trinken ist fast eine Qual, aber absolut notwendig.
Nur das erhält die Kraft! So steigen wir bis auf 5700m. Dort endet die
Geröllzunge, um uns herum Büßereis. Mit Hilfe des Eispickels
durchsteigen wir das erste Büßereisfeld. Das Eis ist nicht sehr hoch.
Es gelingt relativ mühelos. Aber bald sind wir auch auf dem höher
gelegenen Büßereisfeld eingeschlossen. Wir mühen uns weiter
hoch. Lutz stürzt, gottseidank passiert nichts. Bei 5800 m beraten wir,
wie´s weitergeht. Die Entscheidung tut ein bissel weh: Lutz und ich steigen
nach sieben Stunden ab, es sind noch zu viele Höhenmeter unter solch extremer
Belastung. Natascha und Ulf wollen versuchen, sich ohne Gepäck, nur mit
dem Eispickel bewaffnet, bis zum Gipfel durchs Büßereis durchzuschlagen.
Und sie kämpfen sich weitere dreieinhalb Stunden zum Gipfel. Lutz hat befohlen,
um spätestens 16 Uhr umzukehren. Sie sind kurz unterhalb des Gipfels und
geben nicht auf : UM 16.37 UHR IST´S GESCHAFFT: DER GIPFEL DES 6340 m
hohen PARINACOTAS IST ERREICHT ! Berg heil !
Lutz und ich ruhen uns einstweilen unten am Zelt aus, wir sind kaputt. Liegen
im Zelt und schauen alle 5 Minuten, ob wir sie kommen sehen. Punkt 20 Uhr tauchen
zwei wankende Gestalten am Horizont auf. Gottseidank sind sie gesund zurück!
Ich laufe mit Daunenanorak entgegen, Lutz fängt schnell an zu kochen. Wir
sind so stolz auf die beiden, sitzen zusammen und lassen uns erzählen:
es war hart und schwer. Die Rucksäcke haben sie oben liegengelassen, wo
wir uns getrennt haben, denn sie mussten aus Zeitgründen eine andere Abstiegsroute
wählen. Was tun? Wir beschließen, dass Lutz und Ulf das Lager morgen
früh abbauen und mit dem Großteil der Ausrüstung absteigen (wieder
30 kg Rucksäcke!) und dass Natascha und ich nochmals auf 5800 m aufsteigen
um die Rucksäcke zu holen.
Um 4 Uhr klingelt der Wecker, Lutz kocht Tee und Brei. Kurz vor fünf steigen Natascha und ich los mit den Stirnlampen. Gottseidank finden wir unsere Aufstiegsspuren von gestern, so ist es ein sichereres und leichteres Steigen. Wir kommen erstaunlich zügig vorwärts. Es grenzt schon fast an ein Wunder, wie rasch sich ein Körper von solchen Anstrengungen regenerieren kann. Aber Natascha hat von gestern pitschnasse Schuhe, die natürlich über Nacht nicht trockneten. So hat sie jetzt Eiszapfenfüße, die bei dieser Kälte nicht warm werden. Sie ist doch sehr erschöpf und beginnt entsetzlich zu frieren. Also bleibt sie irgendwann sitzen und ich steige am Rand des Büßereisfeldes hoch bis 5800 m. Um 8.05 Uhr bin ich bei den zwei Rucksäcken angekommen und finde auch noch Lutz´gestern verlorene Teleskopstöcke, die ich ihm nun als Mitbringsel vom Berg geben kann. Mit zwei Rucksäcken und 7 Stöcken trete ich den Abstieg zu Natascha an. Wir gehen am Limit und sind um 9.30 Uhr unten am Lagerplatz, packen die restlichen Sachen ein, essen ein Stück Apfelbrot (das ist das einzige, was wir noch hinunterbekommen) trinken und gehen rasch weiter. In Trance laufen wir in der heißen Sonne Richtung grüner Ebene. Es pressiert, da unten um 11 Uhr unser Taxi bestellt ist, das uns zurück nach Putre bringen soll, damit wir gleich noch den Bus nach Arica schaffen. Wir hetzen, Lutz und Ulf kommen uns entgegen, gottseidank, der Rucksack wird immer schwerer und der Weg will gar kein Ende nehmen. Endlich angekommen springen wir ins Taxi und los geht’s. Aber wir ahnen schon, dass wir den Bus verpassen werden. Aber ein „Glücksbus“ nimmt uns nach der Straßenkontrolle auf und los geht’s. Um 17 Uhr erreichen wir Arica am Meer, 0 m.
Erst dort
im Hotel raus aus den wollenen Unterhosen und 4 Lagen Unterhemden und endlich
in die Dusche, welche Wohltat!
Chaos im Zimmer beim Umpacken, bummeln Abendessen: Appetit ist schon wieder
da, - aber der Magen ist so klein, es passt nicht viel hinein. Und dann : SCHLAFEN
!
Morgens wartet das Taxi zum Flugplatz, Abflug um 12.30 Uhr nach Copiapo. Dort entschließen wir uns, ein Auto zu mieten, um unabhängig zu sein mit unserem vielen Gepäck. Zuerst kaufen wir Lebensmittel, der Supermarkt erscheint uns wie das reinste Paradies: Obst, Gemüse, welch ein Genuß! Mit dem vollbeladenen Chevrolet fahren wir los Richtung Nationalpark Pan de Azucar: Zuckerbrotpark. Elvis trällert, es herrscht lustige gelöste Stimmung. Am Strand von Ramada gibt´s Tomatensalat mit Zwiebeln und Thunfisch beim Sonnenuntergang. Im Zuckerbrotpark bauen wir in der Dunkelheit zwei Zelte auf (jetzt sind die Isomatten am Flugplatz von Arica aufgetaucht) und schlafen herrlich. Vorsicht, alle Lebensmittel gut verstauen: der Zorro lauert. Was ist denn das? Wir schlagen im Wörterbuch nach: ach so, nur der Fuchs!
Tags drauf
nach einem Traumfrühstück: Spiegeleier, Tomaten, Gurken, Obstsalat...
treffen wir am Strand eine chilenische Großfamilie beim Sonntagsausflug.
Einer der Männer hat beim Schnorcheln Muscheln, Krebse, Schnecken und sonstiges
uns unbekanntes Meeresgetier gefischt. Ein kurioses Ding, das aussieht wie ein
großer Stein, genannt: PIURI, wird mit einem Messer in der Mitte geteilt;
überraschenderweise ist es ganz weich; Salz und Zitrone drauf, wir müssen
probieren !! Lutz traut sich, es schmeckt ähnlich wie eine Auster, weich,
schwabbelig und nach Meer! Natascha badet mit allen Kindern, Gemeinschaftsfoto,
dann Umzug in ein Häuschen am weiten, einsamen, weißen Pazifikstrand.
Wir lesen, schreiben, ruhen, baden, schnorcheln, duschen, faulenzen und „siedlern
die Siedler von Caquena“.
Bei einer Bootsfahrt hinaus zum Zuckerhutfelsen (er heißt so, da die Vögel
diesen einen Felsen als Kotplatz benutzen) sehen wir Delphine, Seelöwen,
Pinguine, Tölpel und Kormorane. Prachtexemplare - herrlich!
Bei den Fischern kaufen wir uns frisch gefangene Fische, grillen, und genießen
die Ruhetage. Ausflüge zu den nahegelegenen Stränden Playa Blanca,
so groß und weit das Auge reicht, und nach Chanaral füllen die Tage.
Dann heißt es auch von diesen Traumplätzchen Abschied zu nehmen.
Wir fliegen
zurück nach Santiago, einer modernen 5 Millionen Einwohner zählenden
Großstadt, steigen dort im Hotel Los Arcos ab. Zitat Merian: „Santiago
ist eine Mischung aus Miami und Kastilien, Jaguar und Ochsenkarren.“ Wir
brechen auf zu unserem Stadtbummel. Im Straßencafe gibt´s erst mal
einen „Pitscher“ (siehe Foto). Wir klettern auf den Aussichtsberg
und genießen den Rundblick über die Stadt und besuchen noch den Kunsthandwerkermarkt.
Natascha freut sich über die dort erworbenen Schnäppchen! Ulf geht
früher zum Hotel zurück und wir drei verirren uns im Straßengewirr
und finden das Hotel nicht mehr. Nachdem wir ein Dutzend Leute vergeblich um
Rat gefragt haben, lädt uns ein junger Mann in sein Auto und gemeinsam
versuchen wir das Hotel ausfindig zu machen: wie sich letztlich herausstellt,
liegt es in einem anderen Stadtviertel! Ulf wartet schon und gemeinsam „begießen“
wir in der urigen Kneipe um die Ecke unsere glückliche Rückkehr! So
nimmt der Urlaub unaufhaltsam sein Ende. Am nächsten Tag startet unsere
Maschine mittags gen Heimat (wieder über Madrid) Am darauffolgenden Tag
landen wir mittags in Berlin, wo uns Peter (mit Nikolausmütze – es
ist der 6. Dezember), Ulrike und Nora, mit Rotkäppchen Sekt begrüßen.
Schnell weiter zu Nataschas Friseurtermin: das Ergebnis ist verblüffend!
Herrlich, - wir freuen uns! Und nach Oberwiesenthal: alle Freunde warten schon.
Wir packen Vero ins Auto und erreichen Weissach um 2 Uhr nachts.
Es war ein traumhaft schöner unvergesslicher Urlaub! Vielen Dank! Alle
sind gesund und wohlbehalten und glücklich zurück.